Wenn es Abend wird in München – wie traurig war das noch vor 20 Jahren: In der Innenstadt hochgeklappte Gehsteige ab 22 Uhr, die Clubs und Bars, die bis 1 Uhr nachts offen hatten, konnte man an einer Hand abzählen. Und draußen vor der großen Stadt stand sich das Partyvolk die Füße platt, weil wieder mal kein Bus Richtung Negerhalle oder Alabamahalle in Sicht war.

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Wer heute am Wochenende durchs hochfrequentierte Münchner Glockenbachviertel und über den in Sommernächten von „chillenden“ Menschen dicht bevölkerten Gärtnerplatz läuft, kann sich kaum vorstellen, dass hier vor zwanzig Jahren nur ein paar versprengte Kneipen und Cafés den Nachtmenschen als Fluchtpunkte dienten. Noch heute fallen in fast schon mythischer Verklärung Namen wie Tanzlokal Größenwahn oder Ultraworld und geben ein diffuses Bild Münchens in den achtziger Jahren wieder, in denen ebenjenes Personal zum ersten Mal auftauchte, das sich bis heute als prägender Faktor des Nachtlebens betätigt. So legte im Größenwahn mittwochs „Hellie“ eine wilde Mischung aus Manchester-Indie-Sound und ersten House-Sachen auf. Michi Kern, der später das Babalu, die Reitschule und heute Pacha und Zoozie’z mitbetreibt, saß damals an der Tür.

Ansonsten blieb oft nur der Weg ins P1, vor dem – wie Autor, Radio-Journalist, Mitglied bei FSK und DJ Thomas Meinecke erzählt – fast schon sportlicher Ehrgeiz dabei entwickelt wurde, auf möglichst coole Art den Türsteher zu überwinden. Die Entwicklung lief aber manchmal auch in umgekehrter Richtung. So ist das Baader Café – einstmals der Anlaufpunkt schlechthin – heute nur noch ein Glockenbach-Café unter unzähligen anderen. „Im Baader traf man eigentlich immer jemand, den man kannte“, erinnert sich Norbert Schiegl, Redaktionsleiter bei der „Musikwoche“. In dem kleinen Café hing Anfang der Neunziger, als die Latte Macchiato noch großer Milchkaffee hieß, die junge Boheme, die heute längst etabliert ist, Nacht für Nacht am Tresen, darunter die Autoren Rainald Goetz und Georg M. Oswald, der Künstler Florian Süssmayr, die Modemacherin Ayzit Bostan, Journalist Ulf Poschart und Volkstheater-Intendant Christian Stückl. Damals im Baader-Service tätig: PRINZ Literatur-Ressortleiterin Tina Rausch und Redaktionsleiterin Cloat Gerold.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Wo der große Technowumms der 90er Jahre in München zu spüren war und wo die Clubkultur noch heute leuchtet.In der PRINZ-Silvesterausgabe 1989 spekulierte Indiegitarren-München noch wild über die Eröffnung des Substanz, das heute auf eine fast zwanzigjährige Konzertgeschichte zurückschauen kann; und wer aus der schwäbischen Provinz Mitte der Neunziger nach München zog, fand im Holzfällerhemd eigentlich nur hier, im nahe gelegenen Strom und im Club 2 Gleichgesinnte. Ein ähnlicher Umsturz wie Punk Ende der Siebziger war zu Beginn der Neunziger Techno. Fast schon allgegenwärtig war der große Wumms in München zu spüren – Babalu, Ultraschall, KW, Union Move. Die Hallenkultur mit Flughafen Riem und Kunstpark Ost von Wolfgang Nöth ebnete den Weg für Münchens heutige Innenstadtclubs.

Alltime-Classics wie das Park-Café, in dem der heutige Compost-Label-Chef Michael Reinboth auflegte und auch damals schon HipHopper wie De La Soul und die Jungle Brothers spielten, bekam Mitte der Neunziger Gesellschaft durch die Mandarin Lounge, in der auch Björk auftrat. 1997 eröffnete das Sixties-Britpop-Refugium Atomic Café, in dem man heute noch Stammgästen der ersten Stunde zuwinken kann. Danach ging es Schlag auf Schlag: Erste Liga, Funky Kitchen, Registratur. Münchens Clubkultur leuchtet. Der letzte Schritt in dieser Entwicklung ist bisher die Clubmeile der Sonnenstraße, die das Cord vor fünf Jahren eröffnete und deren neuster Zuwachs das umgezogene Harry Klein sein wird, das vom „DJ Mag“ zu den weltweit besten 100 Clubs gezählt wird. 20 Jahre Nachtleben. You’ve come a long way, Baby!
Tobias Wullert