Es war gewiss nicht schön, aber dafür umso heimeliger. In den Räumen des früheren Elektrohandels Radio Barth am Rotebühlplatz siedelten sich 1996 einige zerzauste Jungunternehmer an: Brodycasting, 0711 Büro, Schlachterei Eckardt, Soundshop, Zoran Bihac, Firma Bonn – alle voller Tatendrang und wenig Erfahrung. Sie drehten Videoclips, Werbefilme, entwarfen Flyer, Cover, verkauften T-Shirts mit Brezel- Motiv, etablierten deutschen HipHop und veranstalteten Partys, Konzerte oder veröffentlichten Platten – und schusterten sich die Aufträge gegenseitig zu. Das Gebäude wiederum stand schon seit einigen Monaten leer und der Vermieter lockte mit unverschämt billigen Mietpreisen zur Zwischennutzung. Ansonsten hätte sich keiner der Jungunternehmer in so prominenter Stadtlage einmieten können. Eine Kantine hatten sie auch in dem an sich sehr hässlichen Nachkriegsbau, der eh bald abgerissen werden sollte – RadioBar hieß die, in Anlehnung an eben jenen Elektrohandel. Ein langer Tresen, ein kleiner Nebenraum und viel Platz vor der Tür.

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Carlos Coelho und Alexander Spindler setzten da auf Improvisationskunst und konnten sich bald nicht mehr retten vor dem Gästeansturm. In nur wenigen Monaten wurde das Haus, die Bar und alles außen herum zum In-Spot aller Szenenasen: Dekadenz, Spaß, Kultur, Aktivismus, ein bisschen Ernsthaftigkeit und jede Menge Freizeit inklusive. RadioBar Betreiber Carlos Coelho lacht und hält’s mit Falko: „Wer die Zeit wirklich erlebt hat, kann sich nicht mehr daran erinnern. Das war ein unglaublicher Schmelztiegel von Kreativität und Ausgelassenheit.“ 1999 war Schluss, das Haus wurde abgerissen und einige der Bewohner siedelten sich mit städtischer Unterstützung nur mehrere 100 Meter entfernt im Hauptquartier an. Heute erinnert am Rotebühlplatz nichts mehr an damals. Das keilförmige Häussler City Plaza steht dort – und auch irgendwie im Weg. Zwar mit ansehnlicher Architektur, Fitness Studio, Supermarkt, Möbelgeschäft, einer Kneipe und Stadtbahn-Bahn-Zugang – Geschichte wird da aber längst nicht mehr geschrieben.

Nur ein paar Meter weiter musste die Theodor- Heuss-Straße Jahrzehnte lang nachts als das trostlose Bindeglied zwischen Rotebühlplatz und dem Leben herhalten. Zwar gab’s ab und an wegweisende Clubs wie das On-U, später das THC oder den Inner Rhythm Club, aber ansonsten ging man nur an der vierspurigen Straße entlang, wenn man irgendwo hin wollte, wo’s schön war. Doch am 19.6.2001 änderte sich das: Lutz Metzger, Giorgio Bottega, Das Netz und Basti Sommer eröffneten in einem ehemaligen Videospiel-Geschäft auf zwei Etagen die Suite 212. Modernste Videotechnik, Interieur, das Architekten vor Freude weinen lässt, und gewollt abgrenzende Elektromusik. Lutz Metzger erzählt: „Wir wurden dafür belächelt, ausgerechnet dort einen Laden zu eröffnen. Alle rechneten mit einem Flop.“ Danach ging’s schnell mit der Beclubbung: Barcode, Rohbau, Muttermilch, L’Oasis, 7 Grad, Barbee – heute wird die Straße „Partymeile“, manchmal auch spöttisch „Ballermann“ genannt und am Wochenende tobt da der Mob. Die Theo hat ihr Gesicht geändert. Jetzt ist sie nachts belebt und tagsüber langweilig. Das findet auch Lutz Metzger, dessen Suite 212 als einziger Laden auch tagsüber geöffnet hat und auch eine Modeboutique beherbergt: „Es ist eine Monokultur, die Konzepte der Bars gleichen einander zu sehr.“

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Wie sich der Flair des Subkulturellen in Stuttgart anfühlte und wo illegale Partys lieber gesehen waren als schicke Glasbauten.Am Ende der Theo lauerte in den 90er-Jahren das „Bermudadreieck“: Das erstreckte sich zwischen Palast der Republik, Das Unbekannte Tier bis zum kleinen Schlossplatz zu Paul’s Boutique. Verschollen ist da so mancher, zwischen dem arty flair des Tier, der lockeren Alternativ-Geselligkeit des Palasts, der Wurstbraterei Zum Zum und dem sophisticated Chic bei Paul’s. Im Juni 1995 war dann klar, Das Unbekannte Tier wird bald Geschichte werden. Der schöne alte Bau, der zwischen 1848 und 1922 ein Bahnhof und Ende der Vierziger-Jahre das Varieté Metropol Palast war, sollte modernisiert und verkauft werden. Im Mai ‘96 war Schluss. Und die andere Ecke des Dreiecks sollte auch nicht verschont bleiben.

Bereits als der Kleine Schlossplatz 1969 eröffnet wurde, diskutierte man in der Stadt kontrovers, ob das nun modern sei oder ein architektonischer Unort. Die Off- und die Party-Szene liebten solche Örtlichkeiten abseits des Stromlinienförmigen trotzdem. Und so entwickelte sich dort in den 1990er Jahren um die Glaspavillons ein reges Kultur- und Ausgehleben. Die Bar 551 war so klein, dass der Großteil der Gäste sich davor versammelte; Klaus Morlocks Paul’s Boutique und Markus Amesöders Switzerland waren ebenfalls Hotspots der Szene bei Kaffee oder Nightlife; die Galeristen Hammelehle & Ahrens machten in Kunst ebenso wie in Party; unter der Betondecke des Platzes sausten die Skater durch die Hall of Fame, die wegen der stinkenden Autoabgase auch oft „Gaskammer“ genannt wurde. In lauen Nächten fand sich kaum ein Sitzplatz auf der Freitreppe.

Auf den nun etwas zurück gesetzten neuen Stufen zum Schlossplatz hin kann man sich auch heute noch zum Leute-Gucken und Plaudern niederlassen, aber nicht wenige sind der Meinung, dass es auf der alten Treppe schöner war – näher dran irgendwie. Bevor der Kleine Schlossbau wegen des Neubaus des Kunstmuseums zur Großbaustelle wurde, kam es zu einer konzertierten Aktion von Gastronomen und Kreativen: im Zuge des Projekts „Plattform Kleiner Schlossplatz“ 2001/02 bespielte unter anderem die Merz Akademie das ehemalige Restaurant Möwenpick als Club „MS Pussy Galore“. Seit März 2005 verleiht der Glaskubus des Kunstmuseums dem Kleinen Schlossplatz Glanz, der Platz selbst wirkt weiträumiger, weil die Aufbauten weg sind; darum herum gruppieren sich die Bar Waranga und die Boutique Abseits, das Restaurant Oggi und der Imbiss San’s. Großstädtisch sieht das alles aus und modern. Aber das Flair des Subkulturellen, das ist für immer passé.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Warum die Künstlerszene sich dank Stuttgart 21 eine neue Bleibe suchen muss, der Wandel aber doch was Gutes für sich hat.Das frühere Südmilchareal im Norden Stuttgarts wiederum war niemals ein schöner Ort. Dort fanden Ali Künnemeyer und Markus Keuerleber 1991 aber billigen Grund für Büroflächen. Durch ein paar lateinamerikanische Jungs am anderen Ende des Areals kam ihnen die Idee, da auch Events zu veranstalten. Erste illegale Partys machten schnell Lust auf mehr. Und nebenan, hatten die lateinamerikanischen Jungs längst ihre kleine Disco namens Zapata am Laufen. Den Plan für einen Club überließen Künnemeyer und Co. Jürgen Heil und Bubbi Schuster, die dort 1993 das erste M1 eröffneten, das europaweite Maßstäbe für Housemusik und Feierlaune setzte, wie man es sonst nur vom Hörensagen oder aus New York kannte. Jedes Wochenende standen sich hunderte von Nightlifern die Beine in den Bauch, um in den Club hinabzusteigen. „Es gab keine Polizei“, erzählt Künnemeyer. „Das Zapata hatte all‘ die Aufmerksamkeit auf sich gezogen und bis zum M1 sind die gar nicht vorgedrungen.“ Flugs entwickelte sich auf dem Gelände eine florierende Subkultur aus Clubs, Künstlern, Kreativen, Lebemenschen und ständigen Gästen wie Rezzo Schlauch, Schauspieler Ben Becker, Die Ärzte, Fanta Vier oder die Stuttgarter Gastroszene. Der städtische Plan, dort das Media Forum zu errichten, war für die florierende Kreativecke 1995 das Ende. Heute steht dort der Kinodiscounter UfA-Palast und das Media Forum macht auch kaum von sich Reden.

Nur wenige hundert Meter entfernt wird der Wandel bald beginnen. Stuttgart 21 kommt. Dafür muss einer der Kreativspots – das Nordbahnhof-Areal mit den Wagenhallen, den Waggons und den kleinen Ateliers und Kunstgalerien, weichen. Abseits vom Einerlei der Innenstadt hat sich vor mehr als zehn Jahren neben Eisenbahngleisen und Schrottplatz eine Keimzelle entwickelt, die Künstlern wie Thorsten Puttenat alias Putte eine neue Heimat geboten hat. Der 35-jährige Musiker erinnert sich: „Mich hat die Szene, die sich in den ehemaligen Eisenbahnwaggons entwickelt hat, extrem angezogen“, sagt Putte. „Wie ein Wohnzimmer für Freunde. Wir haben Musik gemacht und hatten einfach eine gute Zeit.“ Um sich den Charme zu bewahren, haben Putte und seine Freunde auf Werbung größtenteils verzichtet: „Es gibt dort kein Laufpublikum. Wer kommt, kommt ganz gezielt.“ Schon bald müssen sich die Künstler eine neue Bleibe suchen. Denn die Bauarbeiten für S21 haben bereits begonnen. Für Putte und seine Freunde wird dann kein Platz mehr sein, die Suche nach Alternativen läuft längst. „Das ist so typisch für Stuttgart. Aber eigentlich müssen wir dankbar sein, dass wir hier so lange bleiben konnten“, meint er. „Aber wenn irgendwo etwas wegfällt, kommt woanders was Neues.“ So ist das mit dem Wandel.
Michael Setzer, Carsten Weirich, Claudia Gass