14 °C Di, 15. Oktober 2019 Uhr
Prinz.de  ›  Regional  ›  PRINZ-Stadtteiltest Hamburg

PRINZ-Stadtteiltest Hamburg

Auf Wohnungssuche? Aber in welcher Ecke fängt man an? Wo wohnt es sich am besten? Wir haben zehn Viertel unter die Lupe genommen.

© Pixaby CC0
 
Auf Wohnungssuche? Dann kennt ihr ja das Problem: In welcher Ecke der Stadt fängt man an? Wo wohnt es sich am besten? Wir haben zehn der beliebtesten Stadtteile unter die Lupe genommen. 

Alle Staddtteile im Überblick: Ottensen, Rotherbaum, Sternschanze, Eimsbüttel, St.Pauli, Winterhude, St.Georg, Eppendorf, Neustadt, Hafencity


Ottensen

Quirlig bunt, kinderlieb und direkt an der Elbe: Das Quartier im Herzen Altonas ist unser Lieblingsdorf.

Wenn die Sonne scheint, sind alle Plätze auf den Bänken vor der „Rehbar“ besetzt. Dann blinzeln sie in die Sonne, die Mütter und Väter, die Erfolgreichen und die Tagediebe, die Studenten und Kreativen, und mittendrin sitzt Fatih Akin. Er wird gar nicht weiter beachtet. Der Regisseur ist ein bisschen so wie das Viertel: richtig gut, aber kein Angeber. Ottensen hat viel zu bieten. Den besten Falafel-Laden der Stadt („Al Arabi“). Das Zeise-Kino. Das Altonaer Theater. Den Alma-Wartenberg-Platz, bei dem man an lauen Sommerabenden meinen könnte, das gesamte Areal wäre ein großer Biergarten. Und da wären auch die schönen Seitenstraßen zu nennen. Die Eulenstraße zum Beispiel mit ihren kleinen Läden und die Große Brunnenstraße, die geradewegs dorthin führt, wo man in Hamburg so schön sehnsüchtig werden kann: an die Elbe. Tine Wittler wohnt hier, Moritz Bleibtreu, Nina Petri, Sarah Wiener, Peter Lohmeyer, Hannelore Hoger; die Trinkwasserinitiative Viva Con Agua hat hier ihr Hauptquartier; auch Altona 93 gehört zu Ottensen.
Und der Stadtteil liebt Kinder. 32 Kindergärten, schöne Spielplätze, 9 Schulen und jede Menge Kinderwagen in Cafés beweisen, dass Eimsbüttel um seinen Ruf als führendes Familienviertel bangen muss. Klar, wer meckern will, findet auch in Ottensen Grund dazu. Dass das hübsch windschiefe „Blaue Barhaus“ abgerissen wird. Dass die Ottenser Hauptstraße bis zur Bahrenfelder Straße gesichtslos und man mit Auto aufgeschmissen ist. Aber Letzteres braucht in Ottensen sowieso niemand. Wer hier wohnt, muss sein Viertel nicht verlassen. Er hat wahrscheinlich eine relativ günstige Altbauwohnung. Wenn er Hunger hat, wählt er zwischen „Teufels Küche“ und zig anderen Restaurants, Imbissen, Cafés. Langweilt er sich, geht er ins „Familieneck“ und trifft dort seinen Nachbarn. Und wenn ihm alles zu laut ist, flüchtet er nachts auf den Altonaer Balkon und zählt die Schiffe auf dem Fluss.


Mein Viertel: Christiane Lomberg, Cafébetreiberin „Lillisu“

Als Café kann ich natürlich das „Lillisu“ empfehlen – wir haben selbstverständlich den besten Kaffee und Kuchen und einen feinen Mittagstisch. Außerdem findet man in unserem Verkaufsregal schöne Dinge zum Verschenken. Das köstlichste Eis? Gibt es in der „Eisliebe“. Und beim Feinkostladen „Paola“ fühle ich mich immer gleich wie in Italien. Im „Leuchtturm“ und im „Ribatejo“ mag ich die Atmosphäre am Abend sehr. Mein Abendspaziergang führt mich öfters zu der kleinen Ladenzeile am Rathenaupark, wo ich zum Beispiel die Möbel von Piet Hein Eek bewundere.

© HFK

Rotherbaum
Die Zukunft des Viertels sieht nicht unbedingt rosig aus. Einstweilen aber muss man es lieben.

Wenn Nicht-Hamburger das Wort Rotherbaum hören, denken sie gleich an Tennis. Und an längst vergangene Zeiten von Boris Becker und Michael Stich. Dann fällt ihnen vielleicht ein, dass das alljährlich stattfindende German Open nun nicht mal mehr ATP-Status hat. Man könnte meinen, Rotherbaum sei mausetot. Dabei lebt es sich hier bestens. Gerade kehrt mit dem Einzug des Jüdischen Gemeindezentrums in die ehemalige Talmud-Tora-Schule ein bisschen der jüdischen Kultur zurück, die bis zum Zweiten Weltkrieg den Stadtteil prägte. Das tut dem Viertel gut. Genauso wie die Belebung des Campus, der noch vor ein paar Jahren nachts zum Gruseln war. Allerdings stehen konkrete, sehr teure Pläne im Raum, die Universität in die Hafencity zu verlagern. Dann ginge viel vom Charme der Gegend um den Grindelhof verloren: Studenten aus dem In- und Ausland, Professoren, Schriftsteller, Künstler prägen das Straßenbild.

Doch noch ist es ausgesprochen lauschig hier, zwischen all den Jugendstilhäusern, Bodegas, Buchläden, kleinen Modegeschäften, Cafés, Gemüsehändlern, den privaten Kindertagesstätten, den Alsterwiesen und den Bioläden. Die Pöseldorfer am anderen Ende des Viertels stört das nicht. Die machen ohnehin ihr eigenes Ding: Über den Mittelweg schlendern und an der Alster joggen, zum Beispiel. Und die dort ansässige Hochschule für Musik und Theater hat keine Umzugspläne. Hoffen wir also, dass die Atmosphäre so bleibt. Und schlendern derweil über den grandiosen Flohmarkt am Turmweg, genießen die gelassene Haltung der Menschen am Grindel, ein Alster am Bootssteg, eine Lesung im Café Leonar, einen Film im Abaton und den angenehmen Hauch von Bohème.


Mein Viertel: Falk Hocquél, Geschäftsführer „Pferdestall“

Wenn ich mit meiner Freundin Harriet durchs Grindelviertel spaziere, schaue ich gern bei Jimmys „Firstclass Drinks & Secondhand Clothes“ vorbei. In dem gemütlichen Souterrainladen in der Hartungstraße können wir ganz entspannt Klamotten gucken, leckeren Wein für den Abend aussuchen und danach mit Jimmy einen Espresso trinken. Jimmy, sein Kompagnon Sven-Uwe und Labrador Spike kennen sich gut aus im Grindel – da gibt es immer viel zu beschwatzen.

 

Ein von Julia Wijk (@wijk_julia) gepostetes Foto am 30. Aug 2016 um 8:33 Uhr


Sternschanze
Hamburgs jüngster Stadtteil bezirzt mit reizvollen Widersprüchen – noch, denn hier ist alles im Umbruch.



Dichter als am Schulterblatt können die unterschiedlichen Lebensentwürfe der Schanzenbewohner nicht zusammenkommen. Auf der einen Seite sitzen die coolen Werber mit ihren schönen Frauen vor dem „Transmontana“ bei einem Galão zusammen, auf der anderen Seite sammelt sich die linksalternative Szene, um in der Roten Flora zu feiern oder den politischen Umsturz zu planen. Doch genau dieser Widerspruch macht die Sternschanze, die erst im März 2008 zum offiziellen Stadtteil wurde, zu einer Marke, einem Lebensgefühl. Vorbei ist die Zeit der günstigen Mieten, die das einst arme und verwahrloste Gebiet ab Ende der achtziger Jahre zum Magneten für Kreative, Studenten und Bohemiens werden ließen. Viele dieser Menschen wohnen noch immer hier, doch mit den steigenden Preisen ändert sich auch die Bewohnerschaft. Und vor allem an den Wochenenden sind es ganze Karawanen von Besuchern, die in die Gegend zwischen Neuem Pferdemarkt und Schanzenbahnhof ziehen und das internationale Flair des Szeneviertels genießen. Selbst bis Wanne-Eickel hat es sich herumgesprochen: Hier findet sich auf kleinem Raum eine urige Mischung von türkischen Gemüseläden, Plattengeschäften, Szene-Boutiquen, Bars und diversen Restaurants verschiedener Provenienz.

Für die Menschen, die hier wohnen, ist das Fluch und Segen zugleich. Mit ihrem Nachwuchs verbringen sie die Zeit grillend im zwölf Hektar großen Schanzenpark zwischen Spielplätzen und Boule-Bahnen, zum Feiern haben sie den Kiez direkt um die Ecke, oder sie gehen ins „Mandalay“, in den Club „Waagenbau“ oder ins „Haus 73“. Mit dem 3001 lockt ein Kino ganz in der Nähe. Und selbst auf Strandgefühl brauchen sie nicht zu verzichten – dem „Central Park“ sei Dank. Doch die Situation wird zunehmend schwieriger: Durch den viel diskutierten Zuzug von Filialen großer Ketten, Label-Stores und von McDonald’s im S-Bahnhof verändert sich das Gesicht des einst politischsten Stadtteils erneut. Die linksalternative Tradition – schon zur Zeit des Nazi-Regimes war die Schanze die Keimzelle des Hamburger Widerstands – mit ihrer gelebten Andersartigkeit weicht braveren, angepassteren Lebensentwürfen. Von einer reinen Kulisse für die ins In-Quartier strömenden Besserverdiener ist man indes noch weit entfernt. Noch spürt man überall Unangepasstheit, und das ist der Grund dafür, dass sowohl Hamburg-Neulinge als auch viele der Bewohner die Sternschanze weiterhin als die erste Adresse in der Stadt sehen.


Mein Viertel: John Schierhorn, Inhaber „Waagenbau“ und „Central Park“

Mein Tipp ist „Henry’s Frühstücksbude“: Es gibt wenige Läden, die erhobenen Hauptes einen Apostroph im Namen führen dürfen. Sir Henry und seine Frühstücksstube, versteckt im Wurmfortsatz der Kampstraße, gehören ohne Zweifel dazu. Die Stufen ins Souterrain sind jedes Mal ein kleine Zeitreise. Wer wissen will, wie die Schanze sich vor zwanzig Jahren angefühlt hat, findet hier neben zentimeterdick belegten Oldschool-Brötchen und Klassikern der hochkalorischen Küche eines der letzten Originale.

 

Ein von @letriofan gepostetes Foto am 22. Aug 2016 um 1:56 Uhr


Eimsbüttel
Szeneläden oder schöne Architektur gibt’s hier wenig, dafür grüne Oasen, günstige Mieten und viele Kitas.


Fans cleverer HipHop-Tracks verbinden das „Eimsbush“-Label um Jan Delay und Samy Deluxe mit dem namensgebenden Stadtteil. Auch Musiker wie Sasha und Smudo von den Fantastischen Vier wohnen hier, und zum Sehen-und-gesehen-Werden treffen sich größere und kleinere Stars in der Kaifu-Lodge, wo sie nebenher ihr Fitnesstraining absolvieren oder ihre Bahnen im schönsten Schwimmbad Hamburgs ziehen. Also ein Musiker- und Promiviertel? Weit gefehlt. In Eimsbüttel zählt nicht, was man macht, sondern ob man dabei authentisch ist. So ist das Viertel ein beliebter Wohnort für Menschen, die Neues wollen, ohne das Bewährte zu verdrängen. Und im Rathaus hat man Großes vor: Politiker und Beamte wollen die Osterstraße attraktiver machen. Derzeit werten sie die Vorschläge von Anwohnern, Einzelhändlern und Gewerbetreibenden, Grundeigentümern und Lokalpolitikern aus. Bald sollen die besten Ideen umgesetzt werden. Fahrradwege auf der Straße, Sitzbänke, die Parks als besondere Qualität des Viertels und einiges mehr sollen das lange Jahre als langweilig geschmähte Quartier schöner machen. Davon werden vor allem die zahlreichen Familien mit Kindern profitieren, die dank der vielen Kitas und begrünter Gehwege für eine auffällige Dichte an Kinderwagen in den Seitenstraßen sorgen. Trotz der vielen Journalisten, Werbetreibenden, Studenten und Künstler ist Eimsbüttel kein Ort, der sich mit dem Attribut „chic“ schmückt. Die Architektur in dem – nach Hoheluft-West – am dichtesten besiedelten Stadtteil ist trotz der Gründerzeithäuser wenig ansehnlich, Szeneclubs sucht man vergeblich.

Ausgehen kann man hier trotzdem, denn Treffs wie das „Nullviernull“ oder das „Lichtenstein“ bieten mit netten Menschen und Gemütlichkeit eine reizvolle Alternative zur nahen Schanze. Den schnellen und grellen Kick wird man im erst Ende des 19. Jahrhunderts städtisch erschlossenen Gebiet nicht erleben. Man muss suchen und stöbern, um die schönen Seiten von „Hamburgs größtem Dorf“, dem ehemaligen Eymersbutterle, zu entdecken. Wer die ruhigen Momente in grünen Oasen liebt, wird schnell fündig: im Park, am Weiher, am Isebekkanal. Kein Wunder, dass Wohnungen in der Lenzsiedlung, am Weidenstieg oder rund um die Christuskirche heiß begehrt sind. Bezahlbare Mieten und die günstigen Verkehrsanbindungen tragen ihr Teil dazu bei, dass bei Wohnungsbesichtigungen die Interessenten lange Schlangen bilden müssen. Ein Problem, das die berühmteste Eimsbüttlerin nicht mehr hat: Bundeskanzlerin Angela Merkel erblickte am 17. Juli 1954 im Krankenhaus Elim das Licht der Welt. Auch wenn sie Hamburg sechs Wochen später schon wieder verließ – an der bürgerlichen, aber nicht spießigen Wohngegend Eimsbüttel hätte sicher auch sie ihre Freude. Hier steht gute Nachbarschaft an erster Stelle, leben und leben lassen. Ob Promi, Student oder Familien mit Kinderwagen: Eimsbüttel ist für sie alle da.


Mein Viertel: Samy Deluxe, Musiker

Ich gehe gern ins Restaurant „R&B“ in der Weidenallee. Das ist ein chilliges Lokal. Und ich mag die vielen Bilder an der Wand, die eine Menge über die Black History erzählen. Außerdem geh ich oft zum Türken oder Asiaten, bei „Bok“ beispielsweise esse ich sehr gern. Und dann gibt’s seit einigen Monaten diesen ziemlich coolen Burritoladen namens „Qrito“ in der Osterstraße. Da fahr ich zum Essen auch gern vorbei. Bei „Block House“ und „Jim Block“ esse ich auch unglaublich oft. Die müssten mir eigentlich wirklich langsam einen Rabatt gewähren, so oft, wie ich da bin.

St. Pauli
Trotz offensichtlicher Mängel bleibt St. Pauli mit seinem schroffen Charme das Herz der Stadt.


„Hier feixt die Messergang vom Kiez“, „Gewalteskalation auf St. Pauli“ – auch nach dem Waffenverbot rund um die Reeperbahn macht St. Pauli regelmäßig negative Schlagzeilen. Wieso ist der schmutzige und gefährliche Rotlichtbezirk trotzdem einer der liebenswertesten Stadtteile Hamburgs? Weil es nirgendwo in der Stadt ehrlicher zugeht. Die Ureinwohner St. Paulis haben einen schroffen Charme, und wenn sie sagen, dass eine Frau das Zeug zur Edelnutte hätte, dann ist das durchaus als Kompliment gemeint. Am Wochenende wird der Kiez zum Schmelztiegel: Kulturbeflissene eilen ins Theater, Musicalgänger mit untergeklemmter Handtasche ins Operettenhaus, Lässige schlendern auf ein Bier zum Park Fiction, Junggesellen feiern grölend Abschied; hier dröhnt Roberto Blanco aus den Boxen, dort Bloc Party – getanzt wird überall. Nirgendwo sonst in Deutschland sind Theater, Clubs, Bars und Restaurants so vielseitig und dicht gesät wie auf dem Kiez.

Doch leider schreitet zugleich der Prozess der Gentrifizierung rasant voran – Bauprojekte wie die Neubebauung des Bavaria-Geländes zeigen es. Zwar betonen die Investoren der dafür verantwortlichen Fraatz Bartels Group, sie wollten die ursprüngliche Atmosphäre des Viertels erhalten. Aber die Entwicklung geht hin zum Themenpark für Hotelgäste, die daheim vom angenehm verruchten Flair erzählen wollen. Eins indes kann niemand St. Pauli nehmen: den Hafen. Hamburger, die schon einmal morgens um fünf an der Elbe saßen, hörten, wie die Möwen nach Abfall gierten, und sahen, wie die Sonne überm Hafen aufgeht, wissen, was wir meinen.


Mein Viertel: Volker von Liliencron,  Schauspieler
St. Pauli hat den Vorteil, dass man, sofern die Kinder bei Oma sind, rund um die Uhr ausgehen kann. Und das sähe bei mir dann so aus: 10 Uhr: Frühstücken im „Millers“ in der Clemens-Schulz-Straße. 12 Uhr: Mittagstisch im „Dips ’n Sticks“ am Spielbudenplatz. 14 Uhr: ein leckeres Eis bei „Lieblings“ in der Seilerstraße. 16 Uhr: Karottenkuchen und Latte im „Chavis“ in der Detlev-Bremer-Straße. 18 Uhr: Sushi im „East“ in der Simon-von-Utrecht-Straße. Danach Cocktails im „Glanz und Gloria“, und zu guter Letzt ruft dann der Hamburger Berg, wo man morgens um 10 Uhr das „Ex-Sparr“ in Richtung Frühstückscafé verlässt.


Winterhude
Natur, Kultur und Schickeria: Nördlich der Alster prägt die bunte Mischung die Lebensqualität.

© HFK
Ist es lässig oder kaltschnäuzig, wie die Winterhuder ihre Porsche Cayennes, Mercedes-Oldtimer und BMW-Cabrios am Mühlenkamp in zweiter Reihe parken? Oder mit ihren Bugaboo-Kinderwagen die dortigen Cafés vollstellen? Selbstbewusste Kapitaleigner sind aber natürlich nicht alles, was den ehemaligen Arbeiterstadtteil ausmacht. Zum Beispiel gibt es da auch den Markt am hübschen Goldbekufer. Hier gibt es dienstags und donnerstags bei Harrys Imbiss eine feurige Currywurst mit Pommes, die selbst die in der Nähe arbeitenden Moderedakteurinnen die Bedeutung von „low carb“, „low fat“ und Weight Watchers vergessen lässt. Etwas kalorienärmer, aber genauso lecker sind die ordentlich mit Knoblauch gewürzten Oliven von „Nazari“ und die köstlichen kleinen Quiches von „Délices de France“.

© Pixabay CC0
In Winterhude fühlen sich aber nicht nur Öko-Freaks und Millionäre wohl, auch Kulturbegeisterte wollen hier nicht mehr weg. Das kulturelle Herz Winterhudes schlägt auf Kampnagel. Zeitgenössischer Tanz, modernes Theater, ungewöhnliche Konzerte und ausgefallene Performances stehen auf dem Programm, dessen jährliches Highlight ein international besetztes Theaterfestival im August ist. Der kantige Charme der Rotklinkerarchitektur an der Jarrestraße, Romantik an den Alsterfleeten (bester Bootsverleih: Bootsvermietung Dornheim, Kämmererufer 25, Tel. 279 41 84, 9 Euro pro Stunde) und viel Wald und Grünflächen zum Grillen, Spazierengehen und Entspannen im Stadtpark – Winterhudes Kulissen sind vielfältig und bunt.


Mein Viertel: Roger Cicero, Musiker

Eigentlich bin ich ein eingefleischter Ottenser, ich mag die vielen kleinen Cafés dort, die entspannte, multikulturelle Atmosphäre. Mein Umzug nach Winterhude ist mir daher anfangs nicht leicht gefallen, doch vor allem seit mein Sohn Louis auf der Welt ist, weiß ich das ruhigere Winterhude und die Alsternähe zu schätzen. Die Eingewöhnung erleichtert hat mir vom ersten Tag an das „Café Elbgold“, nicht nur wegen des besten Käsekuchens der Stadt und des vorzüglichen selbst gerösteten Espressos, sondern auch wegen der unkomplizierten Freundlichkeit, die in diesem Hause herrscht.

St. Georg 
Schwulenchic und Macchiato-Flut, Straßenstrich und Nobelhotel: Hier prallen Widersprüche aufeinander.

Hinterm Hauptbahnhof wird’s bunt. Und damit meinen wir nicht nur die vielen Regenbogenfahnen, die hier wehen. Zwar geht die Gentrifizierung auch an diesem Stadtteil nicht spurlos vorüber, aber abgesehen davon, dass überproportional viele Friseurgeschäfte und Macchiato-Cafés eröffnen, herrscht noch immer größte Vielfalt auf kleinem Raum: Asiamarkt, Eckkneipen, Kräutergeschäfte, Bäckereien, Metzger, Restaurants aus allen Ecken der Welt, alte, stilvolle Bars, Designer, Kunsthandwerker und nicht zuletzt das „Café Gnosa“, das dieses Jahr 70 wird – sie alle haben ihren Platz. Um die Ecke steht das Hotel „Atlantic“ mit vielen internationalen Gästen und seinem Dauerbewohner Udo Lindenberg.

Ein paar Schritte weiter liegt die Alster. Und auf der anderen Seite Hauptbahnhof, Museum für Kunst und Gewerbe und Schauspielhaus. Seit einigen Jahren wird das Viertel saniert und architektonisch aufgehübscht. Seitdem gehört die Lange Reihe zu den Straßen mit den teuersten Eigentumswohnungen. Den Straßenstrich hat all das Bauen aber trotzdem nicht vertrieben. Immerhin: Am umgestalteten ZOB lässt sich auch längeres Warten mittlerweile gut aushalten, und die Neubauten am Ende der Langen Reihe, wie das Hotel „The George“ und das Bürogebäude des Berliner Architekturbüros Meyer, können sich sehen lassen. Der St.-Georg-Hype hält an. Und dafür gibt es viele gute Gründe.


Mein Viertel: Kai Lehmann, Modedesigner
Zentral und vielfältig ist St. Georg, kulturell und traditionell. Ich mag den Mix der Bewohner, die portugiesischen Cafés, Tortenschlacht im „Gnosa“, den indischen Take-away an der Bremer Reihe, der mich an London erinnert (Dort hat Kai Lehmann neun Jahre lang bei Vivienne Westwood gearbeitet und am Royal College of Art unterrichtet, Anm. d. Red.), die türkischen und iranischen Restaurants rund um Steindamm und Moschee, Flohmarkt und improvisierte Konzerte am Hansaplatz, internationale Presse am Hauptbahnhof, die Stadtbibliothek am Hühnerposten, „Alles Käse“ in der Ellmenreichstraße, Lesen an der Alster und die Abendsonne vor meinem Shop (Rostocker Str. 16).


Eppendorf
Eine Partymeile ist das Viertel längst nicht mehr. Großbürgerliche Gemütlichkeit prägt heute das Bild.

Hip ist woanders. Hier ist es bieder und chic. Aber das ist kein Makel, sondern nur hanseatisch konsequent. „Sollen sie doch alle schön in die Schanze ziehen“, denkt sich die Eppendorferin und lässt sich bei Glenfield Pullover in Seidenpapier packen, um sich danach gleich nebenan im Weinhaus Gröhl einen 2003er Baron de L fürs Abendessen auszusuchen. Der Eppendorfer steht derweil in der Schlange bei Lindtner und wird nervös, weil er noch schnell zu Heinecke muss, um seine reparierte Omega abzuholen. Etliche Nachrichtensprecher und Schauspieler wohnen zwischen Klosterstern und Tarpenbek, außerdem viele ehemalige Studenten, die vor 30 Jahren hin- und nie wieder weggezogen sind. Warum auch? Ist schließlich verflixt schön hier. All diese Jugendstilhäuser und Parks und hübschen Cafés und dienstags und freitags der vielleicht schönste Markt der Stadt. Und das modernste Klinikgebäude Europas steht hier auch.

Abgesehen davon, dass es sich an den Flaniermeilen Eppendorfer Landstraße und Eppendorfer Baum viel entspannter einkaufen lässt als in der Innenstadt, ist es hier auch viel sicherer. Gewaltdelikte sind kaum ein Problem. Eher schon die hohen Mieten, die dafür sorgen, dass es mittlerweile zwei Balzac Coffee und ein Starbucks in Tassenwurfentfernung vom kürzlich eingeweihten Marie-Jonas-Platz gibt und kleine Läden großen Ketten Platz machen. Aber es gibt noch immer viel Außergewöhnliches. Besonders in der Hegestraße. Lassen Sie sich einfach mal im Surfer-Laden Hai Q von Bernhard Eblinghaus erklären, was ein Trampofoil ist, und essen anschließend einen Rhabarberstreuselkuchen im „Petit Café“.


Mein Viertel: Ilka Rodegerdts, Eigentümerin „House Of Fitz“
Einer meiner Lieblingsplätze ist eindeutig das „Kaufrausch“. Da sitzen immer alle, und, klar: Der neueste Klatsch wird dabei auch ausgetauscht, Eppen-Dorf eben. Es ist ein bisschen heile Welt hier mit den schönen Häusern und vielen kleinen, individualistischen Läden. Um die Ecke ist die „Küchenblume“, der beste Blumenladen der Stadt, auf der anderen Seite der lässig-schicke Modeladen „Shop“, im „Schokovida“ ist das Eis sündhaft gut, in der „Brücke“ die Weine – es gibt alles, und das eben in schön und geschmackvoll. Einziges Manko: Zum Ausgehen muss man den Stadtteil wechseln. Um halb zwei sagt Eppendorf nämlich Gute Nacht.

Neustadt
Seit einiger Zeit beginnen Künstler und andere Kreative, die oft verkannte Neustadt aufzumöbeln.

© Pixabay
Zwischen Laeiszhalle und Jungfernstieg sagen sich nicht einmal Fuchs und Hase Gute Nacht, denkt man nach dem Versuch, in der Neustadt auszugehen. Einige teure Restaurants in Laeiszhallennähe und Systemgastronomie in der Innenstadt: Am Großneumarkt auszugehen fühlt sich bei Kiba und Sandwiches etwa so an wie Urlaub mit den Eltern in Göttingen. Mit Ausnahme des Portugiesenviertels kann man die gesamte Neustadt nachts ruhigen Gewissens links liegen lassen. Nicht aber tagsüber. Dann nämlich wird sichtbar, wie groß die Vielfalt dieses Stadtteils ist. Die fortschreitende Gentrifizierung von Sternschanze und Karoviertel veranlasst viele Designer und Künstler dazu, sich eine neue Heimat zu suchen, zum Beispiel in der Wexstraße.

© Pixabay
Ulrike Klug verfolgt diesen Prozess, seit sie 2007 die Galerie Kulturreich eröffnet hat. „Ich wollte hierher“, erklärt sie, „weil Handwerk und Kunst hier eine Geschichte haben.“ Und auch eine Zukunft, wie der stete Zuzug von Modedesignern, Kunsthandwerkern und Galeristen zeigt. Auch das Portugiesenviertel wird vielfältiger. Einige italienische Gastronomen haben sich hierhergewagt, die Galerie Feinkunst Krüger und „The Art Of Hamburg“ setzen künstlerische Akzente im Quartier. Wer modernes urbanes Leben sucht, sollte nicht in die Neustadt. Aber sie ist allen zu empfehlen, die Entfaltungsmöglichkeiten für ihre Kreativität suchen und dörflichen Charme schätzen.


Mein Viertel: Sybille Piechura, Inhaberin „Designersliebe“
Als Agentin für Design bin ich einfach dem Charme des Viertels am Fuße des Michels erlegen. Hier finde ich noch echtes Design, Handwerk und Kunst. Rund um den Großneumarkt wird gelebt, gearbeitet und flaniert. Immer mittwochs und samstags erfüllt ein Wochenmarkt die Luft mit herrlichen Gerüchen. Dann genieße ich nach meinem Wocheneinkauf einen Espresso in der Wexstraße in der Galerie „xpp“, die mich mit ihren Exponaten der Minimal Art und ihrem hervorragendem Mittagstisch immer wieder begeistert. Schönes Bummeln hier im Herzen der Stadt!

Hafencity
Die Spatzen pfeifen es von den Dächern: Die Hafencity entwickelt sich rasant. Die Frage ist: wohin?

© Pixabay
„Steig auf den Berg aus Dreck, weil oben frischer Wind weht. Alles glänzt so schön neu.“ Es ist, als ob Peter Fox die Hafencity besungen hätte. Hamburgs angebliches neues Herz wächst in atemberaubendem Tempo. Wo noch vor einem Jahr nichts als Europas größte Baustelle war, hat sich inzwischen Leben angesiedelt. Oder genauer: eine eigentümliche Mixtur aus gehobener Gastronomie, Bäckereien, Corporate-Design-Eiscafés, einer Boutique und zwei umstrittenen Museen, eins von einem wohlhabenden Gönner mit zweifelhaftem politischen Ruf und eins von zwei ebenso wohlhabenden Porscheliebhabern. Das alles klingt nach Ausrichtung an touristischen Interessen statt nach der Befriedigung von Anwohneransprüchen. Obwohl: Immerhin gibt es inzwischen auch einen Spielplatz, und der ist so luxuriös, dass Kindergartengruppen von Finkenwerder bis Duvenstedt vor Neid erblassen.

Wer die architektonischen Vorzüge der Hafencity inklusive Blick aufs Wasser genießen möchte, muss horrende Mietpreise zahlen. Der erschwingliche Wohnraum, von dem stets gesprochen wird, entpuppt sich als Ausblick Richtung Betonschlucht. Und doch ist das Potenzial der Hafencity unverkennbar, es müsste nur genutzt werden. Der heiß diskutierte Umzug der Universität und die Umsiedelung der multikulturellen Studierendenschaft wäre ein großer Sprung nach vorn für das neue Quartier. Neue Parks mischen immer mehr Grün unters Grau, immer mehr Künstlerinitativen versuchen die Hafencity kulturell zu beleben. Im Augenblick ist noch alles offen. Heute werden die Weichen für die Attraktivität und Lebensqualität von morgen gestellt.


Mein Viertel: Markus Zschiesche, Restaurantleiter im „Vlet“
In der ständig weiter wachsenden Hafencity sitze ich in meinen Pausen bei Sonnenschein auf den Magellan-Terrassen. Ich esse Eis oder trinke Cappuccino und schaue auf den Hafen – da ist ja immer was los. Auch an meinen freien Tagen schnappe ich mir meine Frau und meinen Sohn Lasse und bummele mit ihnen immer wieder gerne über den Kaiserkai oder durch den neuen Traditionsschiffhafen. Genial finde ich die neuen Event-Locations in dem alten Hauptzollamt. Das sind tolle Räume mit einem einmaligen Blick auf die Hamburger Innenstadt.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.